Artur Epp
Travel Reports

Aktualisiert am 28.01.2020

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Reiseberichte und Reportagen, aus vergangenen Reisen von nostalgie-tours.com

 

Artur Epp, Stuttgart / Germany


Reisebericht


Jordanien und Israel


Reisebericht 1963 „Beiderseits des Jordans“  - 2017 neu zu Papier gebracht.

Teilnahme am SCI-Work Camp in Bir Zeit bei Ramallah (heute Palästina)

und freiwilliger Dienst im Kibbuz „Neot Mordechai“ im Oberen Galil.


Dieser Reisebericht von 1963 hat nichts von der Aktualität eingebüßt, die im Bericht geschildert wird. Zwar ist manches im Reisebericht überholt, viele der aufgezeigten Probleme haben jedoch noch Gültigkeit.


Reisevorbereitungen


Viele Menschen mittleren Alters hatten auf meine Pläne hin abgewinkt. „Wissen Sie, meine Jugendträume sind auch nicht in Erfüllung gegangen.“ Oder „In ein paar Jahren sind Sie auch ein artiger Familienvater“, war der

Tenor.




Fast 24-jährig startete ich mit dem Rucksack im Juni 1963. Nicht mehr mit Träumen vom geheimnisvollen Fernen. Nicht mehr mit dem Wunsch nach Abenteuern.


Trotzdem sollte dieser Entschluss der Start zu meinem bisher größten Abenteuer werden, zu einem Zeichen der Völkerfreundschaft. Jetzt hatte ich ein Ziel. Das musste vorbereitet sein. Im Mittleren Osten darf ein Mann, der für die Völkerfreundschaft eintritt, nicht einseitig sein. Durch den Internationalen Zivildienst hatte ich mich zu einem mehrwöchigen Dienst im Work-Camp ‚Bir Zeit‘ angemeldet. Das liegt in Jordanien, nördlich von Jerusalem. Nach dem Camp wollte ich in Israel einen Sühnedienst in einem Kibbuz ableisten.





Unterwegs


Auf den Holperstrassen des Balkans und des Orients fuhr ich per Anhalter in 14 Tagen nach Jerusalem. Bezahlt erhielt ich ja nichts. Meine Unterkunft waren beste Hotels und feuchte Straßengräben. Ich lernte Jugoslawen und Bulgaren kennen, ich war bei Türken und Syrern zu Gast, ich durchfuhr den Libanon und konnte am Ziel immer noch nicht begreifen, warum diese schöne Erde und diese fröhlichen Menschen  noch nicht ohne Kriege aus Neid, Hass und Zwietracht sind.


Im jordanischen Work-Camp


Das College in Bir Zeit hatte als Projekt den Bau eines Sportplatzes vorgesehen. Im Rahmen der Pädagogie konnte man die Planierung eines Sportplatzes als Entwicklungshilfe ansehen. Gehören nicht auch die Sportarten zu den lehrreichen Stoffen? Ganz bestimmt ist der Sport ein Mittel zur internationalen Verständigung.


Das erwähnte Work-Camp in Jordanien war das erste überhaupt in diesem Lande. Trotz einiger organisatorischer Mängel möchte ich feststellen, dass dieses Work-Camp den nötigen Anstoß gegeben hat, um in der Zukunft den Gedanken der freiwilligen Work-Camps in diesem Land weiter zu verbreiten. Bei diesem schon immerhin seit 2 Jahren geplanten Work-Camp in Bir Zeit waren einige Schwierigkeiten zu überwinden. Die jordanische Regierung erlaubt nicht, dass Ausländer irgendwelche Arbeit annehmen, sei diese bezahlt oder unentgeltlich. In Jordanien gibt es einen hohen Prozentsatz Arbeitslose durch die etwa 500.000 Palästina-Flüchtlinge, die nach 15 Jahren noch immer nicht in die Stammbevölkerung von 1,7 Millionen eingegliedert sind. Daher mussten die Camp-Teilnehmer illegal für Frieden und Völkerverständigung arbeiten.



Durchführung


Der Organisator dieses ersten jordanischen Work-Camps, Jamil Shami aus Ramallah, der selbst schon Work-Camps im Libanon mitgemacht hatte, hieß uns Camper am Montag abend 8. Juli 1963 herzlich willkommen. Zu dieser Zeit waren wir 8 Jordanier, 1 Schwedin und ich. Nach acht Tagen gesellte sich eine Libanesin zu uns, die jedoch weitere acht Tage später das Work-Camp aus geschäftlichen Gründen wieder verließ. Ab und zu arbeitete eine Jordanierin mit. Nach 14 Tagen kam ein Holländer und ein Amerikaner aus Pennsylvanien, kurz darauf ein weiterer Amerikaner aus Illionois. Die ersten jordanischen Camper verließen, oft aus Studiengründen nach 14 Tagen das Camp und dafür kamen neue Camper, als letzter ein Italo-Araber 10 Tage vor Schluss des Work-Camps. So war ein Kommen und Gehen, welches mir als schlechtes Vorbereiten vorkam, was jedoch vom Organisator damit begründet wurde, dass er möglichst vielen die Gelegenheit zum Besuch des Work-Camps geben wollte.


Zum Planieren des Fußballplatzes mussten wir Camper in einem vom Bir Zeit College etwa 1km entfernten kleinen Tal Steine in die Talsohle füllen. Danach wurde seitlich die Erde abgegraben und auf die Steine gefüllt, so dass eine Ebene entstehen sollte.


Der Direktor des Colleges stellte nach 8 Tagen Work-Camp über die christliche Organisation ‚ICC‘ weitere 15 Arbeiter dem IZD Work-Camp zur Verfügung, wodurch eine schnellere Fertigstellung des Sportplatzes möglich gemacht werden sollte. Um die Armut der arbeitenden jordanischen Menschen aufzuzeigen sei noch erwähnt, dass diese Arbeiter täglich mit nur 300 Fils entlohnt wurden, was ungefähr DM 3,60 entspricht.


Mein Tag begann um 5.00 Uhr früh mit dem Wecken. Um 5.30 Uhr gab es im 500 m entfernten Hauptgebäude das Frühstück. Meistens wurde um 6.00 Uhr zum etwa 1km entfernten Arbeitsplatz weggegangen, was dann eine Arbeitszeit von 6 Stunden bis 12.15 Uhr ergab. Um diese Zeit stach die Sonne des Orients schon so stark auf mich herab, dass ein längeres Arbeiten kaum zumutbar gewesen wäre. Am Ende des Work-Camps war ich jedoch das andere Klima schon ganz gut gewöhnt, dass ich nach dem ersten saftigen Sonnenbrand in der ersten Woche und dem unvermeidbaren Schälen der Haut doch immerhin für täglich 2 Stunden den Oberkörper zum Bräunen freigemacht habe.


Nach dem Gang zum Hostel, manchmal wurden wir auch von einem Kleinbus des Colleges abgeholt, wuschen wir uns von Kopf bis Fuß. Manchmal funktionierte auch die Dusche, was für dieses trockene und steinige Jordanien ein Freudenfest bedeutete. Um 13.30 Uhr wurde das Mittagessen eingenommen, hinterher war Freizeit für die persönlichen Dinge, bis um 18.00 Uhr das Abendessen ein genommen wurde. Um 19.00 Uhr trafen sich die Camper zum ‚social meet‘, wo einmal wöchentlich über die Wünsche der Teilnehmer gesprochen wurde. Ansonsten sangen wir zusammen. Die arabischen Lieder und Gesänge gefielen mir durch ihre fremdländische Melodie.


In Diskussionen wurden folgende Themen besprochen: „Was kann die Idee der Work-Camps für den Weltfrieden tun?“ – „Welche Aufgabe hat die arabische Frau in der Gesellschaft und was kann sie dafür tun?“Die Nicht-Araber des Work-Camps improvisierten Vorträge über Probleme ihrer Nationen. So sprachen die beiden Amerikaner über das Negerproblem, meine Thema stellte ich mir mit: „Die Teilung Deutschlands, die Vorgeschichte und die heutigen Fakten“, der holländische Freund sprach über den Europäischen Markt, ein andermal über die Menonitische Freikirche, weil er selbst Menonite ist. Daraus entwickelte sich für den nächsten Tag eine Diskussion über Religionen, insbesondere über Christentum und Islam. Eines der Weltprobleme Nr. 1, der Hunger, wurde unter dem Untertitel ‚Geburtenkontrolle‘ beleuchtet. Auf der Ebene der Diskussionen kamen sich die Camper im Verständnis der Probleme des anderen doch sehr nahe.



Situation Jordaniens


Der Direktor des Bis Zeit Colleges, welcher ein früheres Mitglied der Regierung ist und oftmals jordanische Delegationen ins Ausland leitete und auch der Vertreter Jordaniens in den Vereinten Nationen gewesen ist, gab in einem abendfüllenden Vortrag einen Überblick über das  arabisch-israelische Problem aus arabischer Sicht. Als einer, der seit Beginn der Etablierung der israelischen Nation mit diesen Dingen direkt zu tun hatte, konnte er einen umfassenden Beitrag uns Ausländern zum besseren Verständnis des arabischen Hauptproblems geben. Er führte aus, die in immer größerer Zahl ankommenden jüdischen Einwanderer hätten zuletzt einen Bürgerkrieg entfesselt. Die seitherigen Bewohner Palästinas seien zumeist geflüchtet und würden heute noch zum größten Teil in Flüchtlingslagern leben. Nach dem Waffenstillstand hätten die Israelis die Anerkennung und Aufnahme durch die Vereinten Nationen UNO erschlichen, indem sie nach Verhandlungen in Genf zwar ein Protokoll unterzeichnet, aber nie den versprochenen Vertrag der gegenseitigen Respektierung abgeschlossen hätten. Mit wortbrüchigen wäre deshalb nicht mehr verhandelt worden und in Zukunft auch nicht mehr werden. Dagegen würde immer wieder die Rückgabe von Palästina gefordert werden. Die Israelis sollen wieder dorthin zurückkehren, woher sie gekommen seien. Soweit also der Direktor des Colleges.



Sehenswürdigkeiten


An 2 Wochenenden wurde mit dem College zusammen ein Ausflug organisiert, um den interessierten Campern die sehenswerten Plätze Jordaniens zu zeigen. Der erste 3-Tages-Ausflug führte an das Rote Meer, den Golf von Aquaba. Am Ziel war der erholsamere Teil des Ausflugs, denn sich im Roten Meer tummeln zu können, war ein ganz herrlich erfrischendes Erlebnis. Die Attraktion war jedoch die verlassene Stadt PETRA, welche aus Häusern besteht, die aus den Felswänden des roten Sandsteins herausgemeißelt sind.


Der Anblick eines etwa 50 Meter hohen, ebenfalls aus der Felswand meisterhaft herausgemeißelten Tempels, war der Lohn für eine etwa 1stündige Klettertour auf den Berg daneben.


Der zweite Ausflug an einem Samstag führte nach Jerash, einer alten, teilweise gut erhaltenen Römerstadt aus dem 2. Jahrhundert nach Christi. Bei Sonnenuntergang und gleichzeitigem Mondaufgang nahmen die Camper und ich ein Bad im Toten Meer. Das einmalige Gefühl, in dem schweren Salzwasser ohne Bewegungen getragen zu werden, muss man bei einem Besuch in Jordanien miterlebt haben.



Besonderheiten


Die andersartige Kost der Araber machte mir einige Schwierigkeiten. Da kaum trockene Kost geboten wurde, insbesondere kein Schwarzbrot und kaum Kartoffeln und Nudeln, hatt ich fast über das ganze Arbeit-Camp Durchfall. Nach 3 Wochen hatte ich solche Schmerzen im Leib, dass ich 1 Tag gefastet habe, den folgenden Tag nur extra für mich gekochte Pellkartoffeln aß und somit für 2 Tage nicht zur Arbeit ging. Extra gekaufte medizinische Kohle half mir wieder auf. Ich empfehle jedem, schon immer vorbeugend eine Kohletablette zu nehmen. Es erging nicht nur mir so, die Schwedin musste gleich zu Beginn des Arbeit-Camps einige Tage liegen und auch die allerdings nur 2 1/2 Wochen vor Schluss gekommenen Amerikaner und der Holländer hatten Schwierigkeiten. Die meistens weiche Kost und mit für unsereins nicht verträglichen Gewürzen gekochten Gemüse und Salate sollte für Ausländer mit Kartoffeln vervollständigt werden. Selbst dann waren diese aus unverständlichen Gründen immer zu wenig.


Zu Anfang hatte ich Schwierigkeiten mit den teilweise noch erheblich anderen Sitten. Der Umgang mit den Mädchen, selbst aus dem Camp, musste ganz auf die Gepflogenheiten im Dorf abgestellt werden. So war z.B. ein Spaziergang mit den Mädchen zusammen fast nicht möglich, wenn auch manchmal diese Sitten durch die Camper einfach umgangen wurden. Die jordanischen Freunde selbst, welche in dem Arbeit-Camp waren, hatten zumeist vorher noch keine richtige Vorstellung von der Organisation IZD/SCI überhaupt.


So konnten sie auch nicht durchweg den Geist in das Lager mitbringen, der sonst gleich zu Anfang eines Camps herrscht. In der Hauptsache stand das Helfen als solches im Vordergrund und dass die Methode des Arbeit-Camps eigentlich zuerst Mittel zur Völkerverständigung und zur Friedensarbeit sein soll, war durch vorher nicht erfolgte Information nicht genügend bekannt.


Wenn ich auch das heißere Temperament der Araber berücksichtige, so glaube ich doch, dass bei entsprechender vorheriger Einführung eine Schlägerei zwischen zwei Campern aus dem College und den Arbeitern des ICC verhindert hätte werden können. Durch das Eingreifen einiger vernünftiger Leute war allerdings rasch wieder Ordnung hergestellt. Allzu viel Gewicht sollte diesem Vorfall deshalb nicht beigemessen werden.


Während des etwa 4 ½-wöchigen IZD Arbeit-Camps konnte das Projekt, die Planierung des Sportplatzes, ncih ganz abgeschlossen werden. Voraussichtlich sollte die Fertigstellung, nun durch den ICC, in weiteren 3 Wochen erfolgen. Da den arabischen Menschen ein tieferer Sinn für Zusammenarbeit bislang noch fehlt, sehe ich in diesem gehabten freiwilligen Arbeit-Camp ein Mittel, die Jordanier durch dies gute Beispiel zum Nacheifern anzuregen. Nicht zuletzt will ich noch erwähnen, wie sehr ich von der Gastfreundschaft beeindruckt war, die alle Ausländer des Camps erfahren durften, nicht nur in Form des Hilfsbereitschaft der jordanischen Freunde, sondern gerade auch von Familien und Menschen aus dem Dorf selbst. ( Wir sind im Jahre 1963 )



Jenseits des Jordans


Natürlich wollte ich durch einen zeitlich gleichlangen Aufenthalt in Israel nicht nur verhindern, einen einseitigen Eindruck aus dem Mittleren Osten mitzunehmen, sondern die schlichte Sühne spielte in diesem Vorhaben mit. Der Grenzwechsel war zwar langwierig, aber doch reibungslos. Das Mandelbaumtor, die einzige Stelle, an der ein Übertritt von Jordanien nach Israel ganzjährig möglich ist, besteht eigentlich nur aus einem Schlagbaum durch die Mauer. Diese verläuft beiderseits eines Todesstreifens zwischen dem jordanischne und israelischen Teil Jerusalems. Vor der Teilung der Stadt soll dort ein Mann namens Mandelbaum gewohnt haben. Übrigens besteht an den 3 Tagen um Weihnachten für Christen die Möglichkeit, von Israel aus durch das Mandelbaumtor die heiligen Stätten in Bethlehem zu besuchen. ( Wir sind im Jahre 1963 ) Langwierig war der Grenzübertritt deshalb, weil zuerst über die spanische Vertretung eine Passiergenehmigung beantragt werden musste. Erst am nächsten Tag konnte ich in den Reisepass die Passiergenehmigung erhalten, was gleichzeitig unmöglich machen soll, dass in Israel gewesene Reisende wieder in arabische Staaten einreisen können.


Die unnatürliche Zerrissenheit des Heiligen Landes sollte mir bei der Überschreitung des Todesstreifens noch einmal demonstriert werden: Halb von Sandsäcken verdeckt stützte sich ein jrdanischer Soldat in einer Fensterhöhle auf sein Gewehr – auf israelischer Seite bewachten ebenfalls Soldaten ihre Grenze.


Die Formalitäten waren rasch erledigt. Israelisches Geld wechselte ich ein. Auf dem Gang zum Bahnhof von Neu-Jerusalem bemerkte ich das emsige Treiben der Menschen. Die Israelis sind irgendwie europäischer, in der Kleidung und im Benehmen zueinander.


Die Eisenbahn brachte mich in wenigen Stunden nach Haifa. Bereits im Zug hatte ich mit einme jungen Israeli auf Grund meiner Lektüre des in Jerusalem gekauften Spiegels Kontakt bekommen. Er vermutete in mir einen deutschen Juden, erklärte mir aber gerne das Land, auch als ich ihm gesagt hatte, dass ich ein Deutscher bin. In Haifa war er mir behilflich den richtigen Bus nach Naharia zu finden. Bei meinem ersten Kontakt verspürte ich also keine Ressentiments – während des ganzen 8-wöchigen Aufenthaltes erging es mir übrigens so. Überall freundlich und nur die Israelis, welche aus dem erlittenen Schicksal durch die Deutschen innerlich kein Wohlwollen hegen konnten, wurden wortkarger oder gaben mir den Trost mit, dass die Zeit die Wunden heilt. Über die Judenverfolgungen im Mittelalter spräche auch kaum jemand mehr.


In Naharia arbeitet Benjamin Jeremias durch seine Organisation OLIVA an der Verständigung zwischen Israelis und Deutschen. Eine Aktion, die von israelischer Seite Frieden stiften will, indem junge Deutsche für 14 Tage zu israelischen Familien gebracht werden und mit Ihnen zusammen das Tagewerk verrichten. Benjamin Jeremias und seine Helfer wollen ihren Mitbürgern von Naharia, das vor mehr als 25 Jahren von grösstenteils deutschsprechenden Juden gegründet worden war, zeigen- seht so sind die jungen Deutschen von heute.


Durch einen Stuttgarter Bekannten, der selbst über die Organisation OLIVA einige Wochen in Israel war, hatte ich die Adresse von Benjamin Jeremias erhalten. Dort hörte ich aber, dass er am selben Tag per Schiff nach Europa abgefahren war. Seine engste Mitarbeiterin Frau E. Berman, die mich Suchenden in Naharia zufällig ansprach, schaute hilfsbereit an den nächsten Tagen nach einer Arbeitsmöglichkeit für mich um.



Mein Kibbuz-Aufenthalt


Ich war selbst nicht müßig und fragte persönlich in einem Kibbuz nach Arbeitsmöglichkeit, erhielt jedoch erst 2 Tage später über die Studentenorganisation ISSTA in Haifa den Kibbuz Neot Mordechai im Oberen Galil vermittelt.


Nach einer halbtägigen Busreise, während der mir die Schönheit des oberen Jordantals auffiel, gelangte ich im Kibbuz Neot Mordechai an. Der grösste Teil der israelischen Kibbuzim ist noch im Ausbau.


Etwa 80.000 Menschen des etwa 2 Millionen Volkes lebt in diesen gemeinwirtschaftlichen Dörfern. Beim Aufbau Israels spielen diese 4% der Bevölkerung jedoch eine große Rolle, insbesondere  während der ersten Pionierzeit in den 40er Jahren. Aus dem Gedanken der Cooperation und schon in den 20er und 30er Jahren entwickelten geistigen Grundlagen fanden sich die Einwanderer zusammen, um gemeinschaftlich mit den wenigen Mitteln der noch kargen Erde Frucht abzugewinnen.


Heute hat sich die Kibbuz-Bewegung in so verschiedenen Arten fortentwickelt, dass jeder den Kibbuz seiner Lebenseinstellung finden kann. Da ist der jüdisch-religiös gebundene Kibbuz, der sozialistisch orientierte und der mit freier Auffassung, welcher den größten Teil ausmacht. Eine eigene Entwicklung stellt der Moshav dar, bei dem sich das Leben zuvorderst in der Familie abspielt, jeder das ihm zugeteilte Feld selbst bestellt, jedoch bei Krankheit die volle Unterstützung des Moshavs hat.


Dagegen findet das Gemeinschaftsleben in den Kibbuzim im Esssaal, im Waschraum, in der Bibliothek und Klubhaus statt. Der Boden, meist Eigentum des israelischen Nationalfonds, wird im Kibbuz immer gemeinschaftlich bestellt. Die Kinder wachsen im Kinderdorf auf, sind entweder von den Eltern strikt getrennt, am Abend kurz im elterlichen Haus oder schlafen sogar ganz dort, je nach Richtlinien im Kibbuz. Die Ausbildung übernimmt der Kibbuz, wobei keines der zumeist auf seine Kibbuz-Herkunft stolze Kind zum Verbleib gezwungen ist. Bei Krankheit und im Alter sorgt die Gemeinschaft ebenfalls für seine Mitglieder – so gibt der Kibbuz Geborgenheit.


Am Ausbau des Kibbuzes Neot Mordechai wollte ich mich für einige Wochen beteiligen. Wie jedem anderen Mitglied wurde mir ein Bett in einer Hütte, zusammen mit anderen Voluntären, zugewiesen. Am Abend holte ich mir wie jeder Chaver (Freund) die Arbeit für den kommenden Tag. In einem besonderen Haus war die Verwaltung untergebracht. Dort wurde auch die Arbeiteingeteilt. Während des ganzen 6-wöchigen Aufenthaltes wurde ich mit maschinellem Kartoffelsetzen, Verpackungsvor-bereitungen der geernteten Äpfel und Anstreichen von Sonnenschutzfarbe an Jungbäumen betraut. Diese landwirtschaftlichen Arbeiten waren zwar keine Entwicklungsarbeiten im Sinne von Neuaufbau, aber zum Betrieb des Kibbuzes dringend notwendig.


Von einem führenden Mitglied wurde mir während eines Rundganges durch Neot Mordechai die Einstellung der Israelis dargelegt: Wenn nun heute die Israelis ihr Land bebauen, so sei dies das beste Zeichen für friedliche Gesinnung und Bodenständigkeit. Die Araber würden zu Unrecht einen Angriffskrieg durch Israel befürchten. Aber ein Bauer hänge auch an seinem bestellten Land, weswegen sich die Israelis nicht wieder vertreiben ließen.


Aus der zionistischen Grundeinstellung wäre es auch den Juden vor der Errichtung Israels untersagt gewesen, Bauer mit einem Grund und Boden zu werden. Dann wäre der Drank ins Land Israel bei den über die ganze Welt verstreuen Juden verloren gegangen.


Der Rundgang währen des Gesprächs führte mich durch das Kinderdorf mit seinem Säuglingsheim, Kindergarten, Schule und Musiksaal. Eine kleine Sporthalle und ein Tennisplatz dient dem körperlichen Training. Die Schuhfabrik, die Apfelsaftfabrik und der riesige Obstkühlraum dienen als finanzieller Unterbau des ganzen Kibbuzes.


Israelische Kritik


Über die große Linie Israels hatte ich in Gesprächen auch differenziertere Meinungen gehört. Ein Gesprächspartner in Haifa, dessen Meinung ums Jahr 1948 (Gründung Israels) in groben Zügen von einer starken Minderheit vertreten worden war, sagte ungefähr folgendes: Die jetzigen lebensbedrohenden Streitigkeiten mit den Jordaniern und damit den Arabern, hätten durch Bildung einer jüdisch-jordanischen Regierung und eines jüdisch-jordanischen Parlaments vielleicht verhindert werden können. Ein solcher Staat hätte wohl das heutige Israel und Jordanien umfasst und somit ein organisches Ganzes gebildet. Israel hätte sein Hinterland, Jordanien Zugang zum Mittelmeer und die scharfen Streitigkeiten ums Jordanwasser wären ganz landwirtschaftlich gelöst worden. Nun, die Realitäten sind anders.



Durch die Negev-Wüste


Eine im Kibbuz arbeitende dänische Jugendaustausch-gruppe sollte Israel touristisch gezeigt werden. Auf meine  Bitte konnte ich im mit Sitzbänken versehenen Lastwagen durch Israel mitfahren. Die alle am See Genezareth gelegenen Stationen waren Kapernaum, die Brotvermehrungskirche, der Hügel der Bergpredigt und die Stadt Tiberias. Durch den teilweise nur 12 Kilometer breiten Teil Israel führte die Reise ans Tote Meer an Sodom vorbei zum Berg Masada. Dieser Berg und seine Befestigung war der Hort der letzten freien Juden, die bei der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 nach Christi flüchten konnten. Erst nach über 2-jähriger Belagerung konnten die Römer die kleine Stadt auf dem Berg erstürmen, fanden jedoch nur die sich selbst getöteten Juden vor. Allein Josephus Falvius konnte nachts durch die Reiehn der Römer fliehen. Er schrieb die Geschichte des jüdischen Krieges nieder.


Heute ist das Tote Meer eine ergiebige Produktionsstätte für Düngemittel und sonstige Chemikalien. Am südlichen Zipfel von Israel, in Elath, erlebte ich die Schönheit und Farbenpracht der Lebewesen unter Wasser, vielfarbige Fische, Seerosen, Seenelken usw.


Bereits auf der Hinfahrt durch die Wüste Negev fuhr der Lastwagen die Gruppe und mich an die ehemaligen Kupferminen König Salomons. Auf der Rückreise war der markanteste Punkt Jerusalem mit seinem Universitätsviertel, dem neuen Parlamentsgebäude, dem Stadtteil der orthodoxen Juden und den modernen Geschäftsstraßen.


Nach der 5-tägigen Reise war ich noch einige Tage im Kibbuz in den Obstplantagen beschäftigt. Der Abschied fiel mir deshalb schwer, weil mir der Kibbuz, die freiheitliche Form des gemeinwirtschaftlichen Dorfes und die neue gewonnen Freunde doch sehr nahe geworden waren.


Mit zwei dänischen Freunden wartete ich in Haifa einige Tage auf die Abfahrt des türkischen Schiffes, da mich zunächst nach Istanbul bringen sollte. Mit israelischen Freunden vom Internationalen Zivildienst hatte ich in diesen Tagen noch sehr ersprießliche Gespräche.



Résumé:


Schon auf dem Schiff, während der abendlichen Fahrt aus Haifas Hafen, ließ ich meine Erlebnisse vor mir noch einmal ablaufen. Die Lichter die sich am Berg Karmel hinziehen, verschwanden bald im Dunkel.


Durfte ich hoffen, etwas Positives für die Völkerverständigung und insbesondere für ein besseres israelisch-arabisches Verständnis getan zu haben?


© Artur Epp, Stuttgart / Germany